29. August 2017

Nachricht

„Die meisten Katastrophen können mit Geld gelindert werden. Diese nicht.“

Renate Paul war 26 Jahre Beauftragte für die „Tschernobyl“-Aktion des Kirchenkreises Syke-Hoya

Renate Paul
LANDKREIS/HOYA (miu). Seit 26 Jahren ist Renate Paul aus Hoya Motor, Herz und Gesicht der „Tschernobyl“-Aktion im Kirchenkreis Syke-Hoya. Mehr als zweieinhalb Jahrzehnte lang organisierte sie das Austausch-Programm, das es Kindern aus der radioaktiv verseuchten Region der Nuklear-Katastrophe ermöglicht, Erholungsurlaub in einer gesunden Umgebung zu machen. Am kommenden Sonntag (3. September) wird Renate Paul als Beauftragte für die Aktion offiziell verabschiedet – in einem feierlichen Gottesdienst um 10.30 Uhr mit anschließendem Empfang in der Martin-Luther-Kirche Hoya.
 
Frau Paul, wie viele Mädchen und Jungen aus der Region Gomel in Weißrussland waren es wohl, die in Ihrer Zeit als Beauftragte für die „Tschernobyl“-Aktion zum Erholungsurlaub in den Kirchenkreis Syke-Hoya kamen?
Mehr als 500. Jedes Jahr 18 Kinder und zwei Betreuer.
Ich habe die Kinder alle zusammen im Schullandheim Wöpse untergebracht. Das war weniger aufwendig als in Gastfamilien. Denn unser Kirchenkreis ist so groß, dass ich nicht ständig von Harpstedt bis Syke und nach Gandesbergen fahren kann, wenn irgendwo ein Kind Bauchschmerzen oder eine Gastfamilie Fragen hat. Für die Kinder war diese gemeinsame Unterbringung auch optimal, weil am Ende alle ähnliche Erlebnisse hatten und immer genug Gleichaltrige zum Spielen da waren. Wir hatten so gut wie nie Heimweh-Erkrankungen.
 
Welche Erlebnisse aus dieser Zeit sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Die Aktion an sich war für mich jedes Jahr aufs Neue aufregend und schön. Nicht nur, weil wir etwas für die Kinder aus Weißrussland tun konnten. Sondern auch, dass 26 Jahre lang Menschen hier vor Ort dieses Projekt so unterstützt haben – finanziell, ideell und mit praktischer Hilfe. Es gibt ein festes Team, auf das ich mich verlassen konnte. Zehn Leute waren immer wie selbstverständlich jedes Jahr dabei. Und andere sind auf Abruf eingesprungen – mal fahren, kochen, mit den Kindern basteln, spielen oder auch einfach waschen… Bei 18 Kindern fällt eine Menge Wäsche an. Wir haben mal spaßeshalber ausgerechnet, wie viele Socken wir in einer Ferienfreizeit waschen.  Bei 18 Kindern sind es 36 Socken pro Tag. Mal 29 Tage. Also 1.8792 Kindersocken.
 
Was ist das Schönste, das Sie mit der Aktion verbinden?
Dass Verbindungen entstanden sind, die immer fester wurden und auch nach so vielen Jahren nicht abreißen. Weißrussland ist ein Teil der Erde, zu dem der Rest der Welt die meiste Zeit wenig Kontakt hatte. Die Menschen dort sagen: „Wir sind ein Land, das vergessen worden ist“. Wirtschaftsembargo, Diktatur und viele unterschiedliche Schwierigkeiten spielen da eine Rolle. Durch unseren Austausch ist es gelungen, Barrieren abzubauen und Kindern zu helfen, die durch die Nuklearkatastrophe schwer krank geworden sind. Ich habe viele von ihnen zu Ärzten, in Krankenhäuser und in die Hämatologie begleitet. Und die Kontakte zu den Familien sind geblieben. Viele Kinder, die zu Beginn hier waren, kommen heute als Dolmetscher mit oder machen hier Mutter-Kind-Kuren. Die Verbindungen reißen nicht ab. Dass das alles heute dank Internet und Whatsapp so schnell geht, ist toll. Am Anfang mussten wir uns noch Briefe schreiben. Es dauerte vier Wochen, bis die Post ankam – oder auch nicht.
 
Was war schwierig?
Schwierig ist es mit dem weißrussischen Präsidenten Lukaschenko ja immer mal wieder. Es gab anfangs zum Beispiel das Problem, dass es keine bilateralen Verträge gab zwischen den Ländern, die grundsätzliche Rechte festlegten. So ist es etwa einmal passiert, dass Gasteltern aus Italien die Kinder einfach nicht wieder nach Weißrussland zurückgeschickt haben. Zum Glück haben sich unsere Bundestagsabgeordneten sehr dafür eingesetzt, die entsprechenden Gesetze schnell zu verabschieden.
Überhaupt das ganze Procedere mit Genehmigungen, die man für so einen Austausch braucht, war häufig kompliziert. Wir brauchen Genehmigungen der Eltern, des Bildungsministeriums, der Schulleitung; Bescheinigungen, dass die Kinder frei sind von ansteckenden Erkrankungen; die Verfahren der Visa-Stelle haben sich immer mal wieder geändert… Aber wir haben das immer alles zusammen hingekriegt.
 
Wie kam es, dass Sie damals beschlossen haben, sich für die Tschernobyl-Hilfe zu engagieren?
Ich war schon immer kirchlich sehr engagiert. Als das Angebot der Landeskirche kam, Beauftragte für diese Aktion zu werden, musste ich nicht lange überlegen. Dieses Gebiet ist einfach noch mal was anderes. Die meisten Katastrophen können mit Geld gelindert werden. Was in Tschernobyl passiert ist, nicht. Die Menschen sind unverschuldet in ein riesiges Unglück gerast und müssen nun noch über viele Generationen sehen, wie sie damit zurechtkommen. Sie können machen, was sie wollen – die Krankheiten sind in ihrer Genetik. Sie können sich weder selbst helfen noch woanders hinziehen – sie nehmen alle diese Krankheiten mit. Zum einen wirft das die Frage auf: Was haben wir bloß mit unserer Welt gemacht, dass sowas passiert, und welche Verantwortung haben wir selbst? Zum anderen ist es mir einfach ein Bedürfnis zu helfen, weil es mir gut gegangen ist im Leben – ich habe nie Not gelitten, ich bin nie ernsthaft krank gewesen.
 
Nun geben Sie die Beauftragung für die Tschernobyl-Aktion ab. Was wünschen Sie sich für die Zukunft für die Partnerschaft mit Gomel?
Ich wünsche mir, dass ein Weg gefunden wird, wie das, was in den Jahren gewachsen ist,  weitergehen kann. Ich habe die Aktion jetzt 26 Jahre lang mit sehr viel Liebe gemacht und finde sie nach wie vor wichtig. Aber ich habe neben mehreren Feldern, auf denen ich mich engagiere, auch eine Familie und seit sieben Monaten ein Enkelkind, für das ich mehr da sein möchte. Ich hoffe, dass sich jemand anderes mit neuen Ideen findet. Jemand Jüngeres, der auch neue Leute nachzieht. Ich wäre auch immer gerne bereit, zu beraten, zu unterstützen und dabei zu sein – aber nicht mehr hauptverantwortlich.
 
Miriam Unger