1. März 2018

Nachricht

„Nichts gegen Tradition – aber die geht ja auch nicht kaputt, wenn man frischen Wind reinbringt.“

Tim Luis Kloth (Barrien), Tjarden Scharf (Bahrenborstel) und Melissa Dützer (Diepholz) wollen Kirchenvorsteher werden

Melissa Dützer, Tim Luis Kloth und Tjarden Scharf kandidieren bei der KV-Wahl 2018.

Was für Bilder haben die meisten Menschen spontan im Kopf, wenn sie das Wort „Kirchenvorsteher“ hören? Gestandene Landwirte, die Johann oder Heinrich heißen und seit Jahrzehnten im Posaunenchor sind? Irgendwelche Margrets und Annemaries – pensionierte Lehrerinnen, die gerne handarbeiten und im Gitarrenkreis mit den Nachbarinnen schnacken? Bei den Kirchenvorstandswahlen am kommenden Sonntag treten in der Region Kandidaten an, die diesem Ü-50-Klischee nicht entsprechen. Durch die verstärkte Jugend- und Teamerarbeit der vergangenen Jahre kandidieren in vielen Gemeinden sehr junge Leute. Teenager, die moderne Musik machen, auf Action, Sport und Shoppen stehen, aber auch engagiert und ernsthaft für ihre Werte eintreten. Drei von ihnen:

Tjarden Scharf kandidiert für den Kirchenvorstand der Gemeinde Kirchdorf. Er ist 18 Jahre alt, wohnt in Bahrenborstel, macht eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann in Sulingen; seine Hobbys sind Fußballspielen, Kitesurfen und Snowboarden.
Melissa Dützer kandidiert in der Gemeinde St. Nicolai Diepholz. Sie ist 18 Jahre alt, macht eine Ausbildung als Zahntechnikerin; ihre Hobbys sind Action, Sport und shoppen.
Tim Luis Kloth kandidiert in Syke-Barrien. Er ist 19 Jahre alt und im ersten Lehrjahr zum Notfallsanitäter bei den Johannitern. Seine Hobbys sind Sport (joggen und schwimmen), Musik (er hat u.a. gerade seine Kirchenmusiker-D-Prüfung an der Orgel mit „sehr gut“ bestanden), lesen und die Arbeit als Teamer in der Jugendgruppe der Kirchengemeinde.

Im Interview erzählen die drei, warum sie Kirchenvorsteher werden wollen.

 
Tim Luis Kloth
Mal ganz ehrlich: Wenn Ihr vor ein paar Jahren als Kinder das Wort „Kirchenvorsteher“ gehört habt – was für Leute waren das in Eurer Vorstellung?
Alle drei lachen.
Tim Luis Kloth:
Alte Leute mit Langeweile!
Tjarden Scharf: Sehr gläubige Menschen, die nach ganz strengen Regeln leben. Viel älter als ich, schon Rentner.
Melissa Dützer: Leute, die jeden Sonntag in die Kirche gehen und sich mit Sachen beschäftigen, die nicht sehr spannend sind. Ich wusste nichts darüber, was ein Kirchenvorstand so alles macht, welchen Einfluss er hat und wie viele unterschiedliche Bereiche es gibt, die er entscheidet.
Tim Luis Kloth: Als ich übers Orgelspielen und die Teamer mehr mit der Arbeit in der Kirche zu tun bekam, habe ich erst gesehen, wer da wirklich hinter den Kulissen steckt. Und ich habe gemerkt, dass ich ziemlich falsch lag.
Tjarden Scharf: Ich war ganz überrascht zu sehen, dass die gar nicht alle so alt, fromm und streng sind. Ich stellte fest: Der Glaube alleine zählt nicht nur in diesem Job, es geht auch um die Gemeinschaft. Um eine ganze Kirchengemeinde. Da habe ich gemerkt: Kirche und Glauben haben eine noch viel größere Bedeutung als ich dachte.
 
Melissa Dützer
Und jetzt tretet Ihr sogar selbst bei der Kirchenvorstandswahl an. Wie seid Ihr da reingeraten?
Tjarden Scharf: Als ich Konfirmand war, hab ich mich gefragt: Was sind das für Leute, die mit auf Freizeiten fahren? Ältere Jugendliche, Teamer. Das fand ich interessant und habe nach der Konfirmation auch an Teamer-Schulungen teilgenommen – als einziger aus meiner Gruppe. Als unser damaliger Pastor ging, gab es eine Vakanz, in der eine junge Diakonin die Konfirmandenarbeit übernommen hat, und mir hat es Spaß gemacht, sie dabei zu unterstützen. Als der neue Pastor kam, hab ich weitergemacht – und dann kam das Angebot. Erst habe ich ein bisschen gezweifelt, weil es ja eine große Aufgabe ist und man viel Verantwortung übernimmt.
Tim Luis Kloth: In Barrien ist es seit einem Jahr so, dass ab und an ein Teamer im Gottesdienst hilft. Dabei und durch meine Organisten-Dienst habe ich miterlebt, wie der Kirchenvorstand so arbeitet. Und das hat mir gefallen. In den letzten Monaten habe ich dann bei einigen Konfirmandenprojekten mitgeholfen und eins sogar komplett alleine durchführen können, was mir Spaß gemacht hat.
Melissa Dützer: Meine Großeltern sind christlich, meine ganze Familie ist in der Kirche, also war es für mich ganz selbstverständlich, dass ich mich konfirmieren lassen wollte. In meiner Konfirmandenzeit wurde dann eine Teamer-Schulung angeboten, bei der ich mitgemacht habe. Da war ich 15. Ich habe meine Jugendleiterkarte gemacht, bin auf Kinder- und Jugendfreizeiten mitgefahren; wir haben in der Gemeinde eine Mädchengruppe gegründet, und ich habe festgestellt, dass es bei der Kirche eine richtig coole Kinder- und Jugendarbeit gibt, in der man selbst ganz viel machen und mitentscheiden kann. Ich habe bei Veranstaltungen geholfen und war immer mehr ehrenamtlich in der Gemeinde aktiv. Als Kandidaten für die KV-Wahl gesucht wurden, bin ich zum Info-Abend gegangen. Ich habe kurz drüber nachgedacht und mich dann entschieden: Ich möchte mich aufstellen lassen – und natürlich auch gewählt werden!
 
Tjarden Scharf
Was hat Euch überzeugt, zu kandidieren?
Tjarden Scharf: Dass ich dachte: Kirche fängt ja nicht erst im Alter an, sondern schon mit der Taufe oder der Konfirmation. Die Interessen von Kindern und Jugendlichen müssen also auch irgendwie vorkommen – weil ich selber jung bin, kann ich das doch machen! Und im Kirchenvorstand bewirke ich bestimmt einiges mehr als wenn ich Teamer bin, der mal in der Gemeinde mithilft.
Tim Luis Kloth: Als mich sowohl unser Diakon als auch ein Kirchenvorsteher fragten, ob ich Lust hätte, ist die Idee in meinem Kopf gewachsen. Überzeugt hat mich das offene und moderne Denken, mit dem in meiner Gemeinde Dinge angegangen werden. Das möchte ich gerne unterstützen und fortführen.
Melissa Dützer: Ich finde gut, dass ich mir den Bereich aussuchen darf, in dem ich was bewirken möchte. Und dass ich das Gefühl habe, ich kann was bewirken.
 
Habt Ihr schon Themen, Ideen und Pläne, für die Ihr Euch im Kirchenvorstand einsetzen wollt?
Tjarden Scharf: Für Kinder und Erwachsene gibt es in vielen Gemeinden Angebote; aber was oft fehlt, ist ein Treffpunkt oder ein Gruppenraum für Jugendliche. Und eine andere, lockerere Art von Gottesdiensten, die auch mal woanders stattfinden.
Melissa Dützer: Ich denke, dass ich eine gute Vermittlerin zwischen Jugend und Kirche sein kann. Ich möchte herausfinden, was die Jugendlichen in der Region wollen, welche Angebote sie brauchen und was sie motivieren kann, selbst mitzumachen. Als Kirchenvorsteherin kann ich ihre und meine Ideen und Sichtweisen am besten in die Gemeinde einbringen.
Tim Luis Kloth: Ich freue mich besonders darauf, im Team eine lebendige und zeitgemäße Kirche mitgestalten zu können. Ich halte es für enorm wichtig, die Sicht meiner Generation einzubringen, damit die Kirche auch in Zukunft noch Menschen bewegt. Mir selbst liegen insbesondere die Themen Musik, Konfirmanden- und Jugendarbeit am Herzen.
 
Bei welchen Themen werdet Ihr Euch eher zurückhalten?
Tim Luis Kloth: Finanzen, Buchhaltung und so überlasse ich gerne erfahreneren Kollegen…
Melissa Dützer: Bei vielen Themen werde ich erst mal zuhören.
Tjarden Scharf: Ich habe natürlich auch keine Ahnung von größeren Aufgaben wie Verwaltung und Bauvorhaben. Da muss ich mich erst mal reinarbeiten. Aber das sind ja auch Sachen, die irgendwann alle Leute in der Gemeinde betreffen werden – also auch die, die jetzt noch jung sind.
 
Habt Ihr Respekt davor, dass die meisten im Gremium älter und erfahrener sein werden als Ihr?
Melissa Dützer: Ja, Respekt schon. Aber ich möchte auch zeigen, wie wichtig Kinder-und Jugendarbeit für eine Gemeinde ist und was ich in diesem Bereich kann. Ich werde versuchen, die Interessen der jungen Kirchenmitglieder gut zu vertreten und darauf einzuwirken, dass sie auf dieser höheren Ebene gesehen und umgesetzt werden. Und das werde ich auch schaffen!
Tjarden Scharf: Ich finde es gar nicht schwierig, sondern eher gut, wenn zwischen den Älteren mit Erfahrung auch jemand Junges dabei ist. Es kann doch nur helfen, wenn ein Mischmasch aus allen Altersgruppen entsteht. Natürlich hoffe ich, dass ich von den anderen ernst genommen werde und nicht alle denken: „Was will der denn hier, der hat doch keine Ahnung!“. Ich hatte aber von Anfang an bei der Kirche das Gefühl, überall offen aufgenommen und angehört zu werden mit meinen Ideen und Vorschlägen.
Tim Luis Kloth: Ich bin mit der Arbeit unseres aktuellen Kirchenvorstands sehr zufrieden, deshalb habe ich jetzt keine 95 Thesen vorbereitet, die alles modernisieren und verändern sollen. Ich möchte aber mithelfen, zukünftige Entwicklungen und Projekte in die richtigen Bahnen zu leiten.
 
Bei dieser KV-Wahl wurde das Wahlalter zum ersten Mal runtergesetzt auf 14 Jahre. Was sagt Ihr dazu?
Melissa Dützer: Sehr gut – jetzt können die Konfirmanden gleich sehen, dass sie in der Kirche auch schon was bewirken können!
Tim Luis Kloth: Ich finde das nicht für jede Wahl richtig – gerade für politische nicht. Aber in der Kirche ist man ab der Konfirmation vollwertiges Mitglied. Warum soll man dann also nicht auch mitentscheiden dürfen, durch wen man zukünftig vertreten wird?
Tjarden Scharf: Es ist wichtig, viele Altersgruppen zu beteiligen – denn das, was jetzt entschieden wird, betrifft die Jugendlichen ja in ein paar Jahren auch. So werden sie gleich informiert, was passiert und können mitbestimmen, was sie haben wollen. Mit 14 hat man einfach andere Vorstellungen als mit 70. Da sind einem Freizeiten wichtig, und dass man Angebote von der Kirche bekommt, die man selbst mitgestalten kann.
 
Was ist an/in der evangelischen Kirche Eurer Meinung nach für junge Leute heute noch interessant?
Tjarden Scharf: Die Werte. Und die Gemeinschaft. Dass alle zusammenkommen, dass jeder was machen kann und dabei unterstützt und ernst genommen wird. Und gerade für junge Leute ist es wichtig, Freizeitaktivitäten anzubieten, denn davon haben wir nicht so viele auf dem Land. Da könnte die Kirche noch mehr machen.
Melissa Dützer: Dass es viel um Spaß geht – zum Beispiel, wenn man auf Freizeiten fährt – aber auch um ernste, inhaltliche Themen. Dass bei der Kirche einfach jeder mitmachen und zusammen mit anderen auch richtig was auf die Beine stellen kann – zum Beispiel solche Angebote wie unsere Mädchengruppe oder große Veranstaltungen wie „L3T’S PRAY“ in Diepholz. Man kann sogar als Jugendlicher schon Verantwortung übernehmen und Sachen umsetzen. Sowas spornt einen an und gibt Selbstvertrauen.
Tim Luis Kloth: Das finde ich auch – gerade als Teamer. Zusammen Projekte zu organisieren, umzusetzen und dann zu sehen, was man erreichen kann. Aber auch das Zusammensein, Pizza zu essen und stundenlang zu reden. Und das Ganze immer in einer großen, gemischten Gruppe. Unabhängig davon geben mir die Werte, die die Kirche vermittelt, aber auch unglaublich viel für den Alltag.
 
Wie wünscht Ihr Euch die Kirche in Zukunft? Was soll bleiben, wie muss sie sich verändern?
Melissa Dützer: Die Sonntagmorgen-Gottesdienste brauchen in dieser Form nicht unbedingt so zu bleiben. Die Jugendlichen müssen mehr angesprochen und in die Gemeinde integriert werden. Ich finde das Wichtigste, dass das Gemeindeleben Alt und Jung zusammenbringt.
Tim Luis Kloth: Ich wünsche mir, dass man weiter mit großen Schritten vorangeht und zeigt, dass Religion Teil des eigenen Lebens sein kann, auch ohne dass man ein Mönchsgewand trägt. Und dass die Kirche auch in Zukunft Raum bietet, in dem jeder Halt finden kann. Ich freue mich, dass ich dazu meinen Teil beitragen kann.
Tjarden Scharf: Grundsätzlich finde ich, dass die Kirche so bleiben soll wie sie ist. Man sollte aber alle mit ins Boot holen – auch die 14-Jährigen. Dabei könnte helfen, dass Gottesdienste nicht mehr so eintönig gestaltet werden mit einer Predigt und dem immer gleichen Ablauf. Es müsste mehr Aktionen und Auflockerungen geben und nicht alles so auf Reden und Zuhören basieren. Ich habe nichts gegen Tradition, aber die geht ja auch nicht kaputt, wenn man frischen Wind reinbringt und bei der Gestaltung von Gottesdiensten und Gemeindeleben Jugendliche mitmachen lässt. Dass es nicht nur Chöre gibt, in denen entweder ältere Leute singen oder Kinder. Sondern auch mal eine Band, die bunt gemischt ist aus Jüngeren und Älteren, die einfach nur verbindet, dass alle Lust haben und Musik machen, die gerade passt.
 
Was bringt Euch Kirche für Euer eigenes, ganz persönliches Leben?
Melissa Dützer: Für mich ganz viel. Die Gemeinschaft – sich zu treffen, was zu unternehmen, zusammen Spaß zu haben, aber auch ehrlich zu reden. Aber vor allem hilft mir mein Glaube, wenn ich mal abschalten möchte. Wenn ich einen stressigen Tag oder viel gearbeitet habe – dass ich dann einfach runterkommen und so sein kann, wie ich bin. Dass ich beten und Gott alles sagen kann. Das hilft mir, weiter zu machen. Besonders, wenn Probleme anstehen.
Tjarden Scharf: Ich finde das ganz schwer zu erklären. Für jeden bringt es ja was ganz anderes. Meine Oma zum Beispiel war sehr kirchlich und hat damals Kindergottesdienste geleitet, da bin ich ab und zu mit hingefahren. Meine Eltern sind nicht sehr christlich. Meine Mutter geht selten, vielleicht mal zu Weihnachten in die Kirche; mein Vater ist ausgetreten, weil er den Glauben nicht hat und das alles nichts für ihn ist. Ich bin durch den Konfirmandenunterricht zur Kirche gekommen. Und bei mir ist es einfach so, dass ich denke, dass nichts aus Zufall passiert. Ich glaube, da steckt viel mehr dahinter.
Tim Luis Kloth: Für mich spielen christliche Werte eine große Rolle. Sei es die Grundeinstellung, mit der ich anderen Menschen begegne oder das Nachdenken darüber, was mir im Leben eigentlich wichtig ist – und ob ich dem auch gerecht werde. Manchmal geht es mir auch darum, nicht nur dem Alltag hinterher zu eilen und mal zur Ruhe zu kommen.
 
Was sagen eigentlich Gleichaltrige dazu, dass Ihr so engagiert bei der Kirche seid?
Melissa Dützer: Die finden das alle toll und unterstützen mich. Einige Freunde von mir überlegen sogar, selbst in der Kirche aktiv zu werden, wenn ich als Kirchenvorsteherin gewählt werde.
Tim Luis Kloth: Bei mir auch meist Verständnis und Unterstützung – das hätte ich vorher gar nicht gedacht, um ehrlich zu sein. Natürlich gibt es auch mal Stirnrunzeln. Aber spätestens, wenn ich erzähle, dass ich in Gottesdiensten regelmäßig Filmmusik oder was anderes Modernes auf der Orgel spiele und dazu noch nie einen negativen Kommentar gehört habe, sind die Vorurteile, Kirche sei traditionell und langweilig, bei den meisten ausgeräumt.
Tjarden Scharf: Einige finden das schon komisch. Manchmal werde ich gefragt: „Was hast Du eigentlich immer mit der Kirche am Hut? Von Dir hätte ich das jetzt nicht gedacht – wieso machst Du das denn?“ „Das ist halt so.“, sag ich dann. „Jeder glaubt doch an irgendwas. Und ich glaube halt an Gott.“ Und weil ich dafür auch einstehe, lasse ich mich jetzt für den Kirchenvorstand aufstellen.

 Miriam Unger