3. Juni 2018

Nachricht

„Nicht nur der Schuldner, auch der Staat ist gefordert“

Soziale Schuldnerberatung der Diakonie fordert mehr Maßnahmen von der Politik für die erfolgreiche Arbeit mit Verschuldeten

„Weg mit den Schulden!“ ist das Ziel der Sozialen Schuldnerberatung im Diakonischen Werk Diepholz-Syke-Hoya. Dafür arbeiten Ute Strathmann, Diakonie-Geschäftsführerin Marlis Winkler, Stefan Gövert, Martina Dreyer und Ulrich Preuss (Von links nach  rechts). Foto: Jantje Ehlers

KIRCHENKREIS (miu). „Weg mit den Schulden!“ lautet der Titel der „Aktionswoche Schuldnerberatung 2018“ vom 4. bis 08. Juni. Dass das aber nicht mal eben so mit einem Fingerschnipp machbar ist, wissen die Mitarbeiter der Sozialen Schuldnerberatung im Diakonischen Werk Diepholz-Syke-Hoya am besten: „Dafür ist ein ganzes Maßnahmenbündel notwendig. Neben der persönlichen Anstrengung des Betroffenen ist auch der Staat gefordert“, sagt die Schuldnerberaterin Ute Strathmann.

Sie und ihre Kollegen Ulrich Preuss, Stefan Gövert, Martina Dreyer und Stefan Bruns plädieren dafür, dass die Politik im Gesetz einen unabhängig vom Einkommen der Betroffenen gültigen Rechtsanspruch auf Schuldnerberatung verankert. „Es ist wichtig, dass der Zugang zu diesem Hilfsangebot für alle möglich ist. Zahlreiche Studien belegen, wie erfolgreich die Beratung sein und welchen Schaden sie abwenden kann, wenn man möglichst früh ansetzt“, betont Stefan Gövert, dessen Fachgebiet die Schuldenprävention im Jugend- und jungen Erwachsenenalter ist. „Die Beratung hilft den Betroffenen, einen Überblick über ihre Finanzen und das Heft des Handelns wieder in die Hand zu bekommen.“

 Es sei wichtig, dass den Klienten auf einen Weg geholfen werde, auf dem sie wieder eine Chance auf Teilhabe am wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben erhielten. Denn es geht immerhin um 6,9 Millionen Menschen in Deutschland, die überschuldet sind oder nachhaltige Zahlungsprobleme haben. „Dieser Personenkreis profitiert nicht von der wachsenden Wirtschaft, den sinkenden Arbeitslosenzahlen und der steigenden Kaufkraft“, betont Ulrich Preuss. „Diese Menschen haben neben finanziellen Schwierigkeiten oft auch soziale Probleme. Und da setzen wir an, damit sie nicht nur ihre Ver- und Überschuldung in den Griff bekommen, sondern auch wieder eine Perspektive für ihr Leben.“

Von der Arbeit profitieren aber natürlich nicht nur die Verschuldeten. Die Soziale Schuldnerberatung vermittelt auch zwischen den Gläubigern und Schuldnern und beschleunigt den Prozess, um eine gute Lösung für beide Seiten zu erreichen. Gemeinsam mit anderen Fachdiensten im Haus der Diakonie, wie etwa der Kirchenkreissozialarbeit, arbeiten Gövert, Preuss und Strathmann auch daran, dass die Verschuldeten ihre Berufsaussichten verbessern. Das senkt Sozialausgaben.

 Doch ein niedrigschwelliger Zugang zum Hilfsangebot allein reicht nach Auffassung der Diakonie-Mitarbeitenden nicht aus. „Gerade hier im ländlichen Raum muss die Beratung bedarfsgerecht ausgebaut werden. Es muss weitere, gemeinnützige Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen geben. Gerade vor Ort in den Gemeinden sorgen Sprechstunden für einen besseren und schnelleren Zugang. Auch Prävention in Schulen und Ausbildungsbetrieben ist ein ganz wichtiger Bereich“, erklärt das Team der Diakonie-Schuldnerberatung. „Und für die beratenden Stellen muss eine angemessene personelle und materielle Ausstattung gewährleistet sein. Denn lange Wartezeiten können großen Schaden verursachen.“

Und noch etwas liegt Ute Strathmann am Herzen: „Trotz aller gut laufenden Beratungsmöglichkeiten darf die Politik nicht übersehen, dass die Grundsicherung für Arbeitslose und die Sozialhilfe nicht bedarfsdeckend sind und dringend angepasst werden müssen.“ Ihre Klienten mit niedrigem Einkommen seien oftmals nicht in der Lage, notwendige Reparaturen oder Anschaffungen wie Kühlschrank oder Waschmaschine zu tätigen. Das führe oft dazu, dass sie Finanzierungsangebote nutzen oder Darlehen beim Jobcenter aufnehmen, deren Rückzahlung ihr ohnehin schon knappes Budget dann restlos sprengen. „Eine hohe Überschuldung ist dann regelmäßig die Folge“, beobachtet Strathmann. „Eine bedarfsdeckende Anpassung dieser Leistungen würde helfen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen“.