21. Januar 2019

Nachricht

„Ralf sagte damals, ich würde das Christliche ´n bisschen übertreiben. Daran habe ich ihn erinnert, als er Bischof wurde.“

Leeste verabschiedet sein „Pastoriginal“: Holger Tietz geht in den Ruhestand / Verabschiedung am 27. Januar um 15 Uhr

„Für mich war es ein großes Glück, diesen Beruf ergriffen zu haben. Und ich hab ihn immer mit Leidenschaft gemacht“, sagt Holger Tietz. Foto: Miriam Unger

LEESTE (miu). Was für eine Aufgabe für die Zeitungsredaktionen in der Region. Holger Tietz, seit fast vier Jahrzehnten Gemeindepastor in Leeste, geht in den Ruhestand. Ein riesengroßer Kerl mit dröhnender Stimme – mal charmant, mal sperrig, mit Sicherheit einer der bekanntesten Menschen in Leeste. Wenn einer wie Tietz geht, passt keine Textschablone.

Die Lokaljournalisten lösen die Herausforderung jeder auf seine eigene Weise – alle sehr persönlich. Kein Griff in die Floskelschublade, nix mit „… Institution in Leeste…“, „Eine Ära geht zuende“, „Der Oberhirte verlässt die Herde“. Ein Redakteur erfindet das Wort „Pastoriginal“. Und beschreibt dessen Verdienste und Humor ebenso deutlich wie seine Eigenarten und Ecken.

Holger Tietz hat die Artikel alle gelesen. Natürlich freut er sich über die Lobeshymnen und ist ein bisschen stolz, dass die Redakteure dermaßen den roten Teppich ausrollen. Auch wenn er das gar nicht so deutlich zeigen möchte. Aber es sind weniger die Jubelpassagen, die ihm gefallen, sondern die kleinen Seitenhiebe und Sticheleien. Besonders ein Artikel bildet das „Pastoriginal“ auf eine ungewöhnlich komplette Weise ab. Der Autor kennt Tietz schon lange, er wurde selbst von ihm konfirmiert. Und stellt den 65-Jährigen für seine Leser ohne übertriebene Ehrfurcht dar – mit all seinen Stärken, Schwächen und Schrulligkeiten. „Das is‘ ma was!“, sagt Tietz in seinem breitesten Hamburger Dialekt, und die Begeisterung blitzt aus seinem ganzen Gesicht.

Genau die richtige Stimmung für ein paar letzte Fragen vor der Verabschiedung am Sonntagnachmittag in der Leester Marienkirche...

Holger Tietz vor seinem „Dom“. „Paar Leute fanden‘s blöd und respektlos, dass ich die Dorfkirche hier so nenne“, sagt der Pastor und zuckt die Schultern. Er hat den Ausdruck seitdem wahrscheinlich noch häufiger benutzt. Foto: Miriam Unger
Der Holger Tietz, der 1983 als junger Pastor nach Leeste kam – was war das für ein Typ? Innerlich und äußerlich?
Also, äußerlich: Viel, viel jünger natürlich – und kompakter. Das waren noch Nachwirkungen aus der Zeit, bevor ich mit meiner Frau zusammenlebte. Meine Mutter war immer der Meinung gewesen, wenn man was auf den Knochen hätte, wäre man auch insgesamt stabiler. Seit sich meine Frau um meine Ernährung kümmert, habe ich einige Kilo abgenommen und bin heute körperlich und gesundheitlich viel besser drauf als früher.
Ich glaube, was meine Art angeht, war ich nicht groß anders als heute. Ich war schon immer sehr klar in dem, was ich wollte und habe gesagt, was ich denke. Als junger Pastor habe ich vielleicht noch etwas vorsichtiger abgewogen und war ein bisschen absichernder. Heute bin ich mutiger, konsequenter und auch manchmal angriffslustiger. Es gibt Themen, bei denen ich einfach nicht mehr bereit bin, Kompromisse zu machen.
Diese „Hamburger Schnauze“, dieses „Kodderige“, wie manche es nennen, hab ich schon immer gehabt. Aber vielleicht bin ich ein bisschen zahmer in meiner Wortwahl geworden.
Gepredigt habe ich früher etwas anders. Da bin ich über die Jahre souveräner geworden – ich spreche heute immer frei und gucke die Leute dabei an.
Ansonsten war ich 29 Jahre alt, schon verheiratet, wir kamen mit unserem drei Monate alten Sohn in die Gemeinde. Ich war neugierig auf das, was mich hier erwarten würde und wie das alles zusammenpasst. Denn Leeste war eigentlich nicht meine Erstwahl…
 
Warum nicht?
Zum einen war hier damals noch plattes Dorf. Wir kamen von Hamburg direkt aufs Kaff, und das war anfangs schwierig. Meine Frau hatte nicht mal einen Führerschein – brauchte man in der Stadt ja nicht. Unsere Tochter wurde hier geboren, und plötzlich war sie sehr angebunden mit zwei kleinen Kindern. Wir waren jung und wollten eigentlich noch was anderes sehen. Wir haben überlegt, nach Tokio zu gehen. Aber das hat sich zerschlagen.
Zum anderen war es so, dass die Kirchengemeinde damals eine ganz enge Prägung und Moral hatte, sie war sehr evangelikal und konservativ. Das alles passte gar nicht zu dem, was ich wichtig fand. Ich kam aus der Jugendbewegung, war ökumenisch und sehr liberal geprägt. Ich wollte eine Fahrt zum Kirchentag organisieren, aber diese Tradition gab es nicht. Krelingen und Hermannsburg, das war hier die Welt. Und der Kirchentag – viel zu weltlich! Auch mit meinen Gottesdiensten eckte ich bei einigen an. Weil ich die Liturgie sang und mich anfangs bekreuzigte, hörte ich den Vorwurf, ich würde kathologisieren. Ich hab noch den Satz eines älteren Kollegen im Ohr: „Brrrruuuder Tietz – ich höörrre, Ihrrrre Wege füüührrren nach Rom!“ (lacht).
Sich als junger Pastor dazu zu positionieren, diese Traditionen aufzubrechen und der Gemeinde zu vermitteln, dass die Kirche auch offen sein muss – das war schwierig.
Ich wollte schon wieder weggehen. Aber zum Glück gab es viele Laien, die mich darin bestärkten, dass eine Veränderung kommen muss. Auch der Kirchenvorstand wollte diese Öffnung: Die Substanz von dem, was an Kirche wichtig ist, bewahren, aber auch mehr auf die Menschen zugehen. Und irgendwann kam aus der Gemeinde ein breiter Strom von Leuten, die verstanden haben, wie ich ticke und die wollten, dass ich bleibe.
Und so haben wir uns hier zusammengerauft – und ich denke, wir haben es gut hingekriegt, die kirchliche Struktur in Leeste zu verändern.
 
Wollten Sie eigentlich immer Pastor werden und Pastor sein?
Interessiert habe ich mich schon dafür, aber als ich jung war, waren meine Vorstellungen, wie ein Pastor sein sollte, so hoch, dass ich dachte: „Diese Ansprüche wirst Du, Holger, nie erfüllen können!“ Meine Eltern waren kirchlich-christlich eingestellt. Mein Vater war selbst 22 Jahre lang Kirchenvorstandsvorsitzender, und in unserem Wohnzimmer sind immer viele Gespräche aus der Gemeinde geführt und Probleme geklärt worden. Ich hab in meiner Jugend die ganze kirchliche Karriere mitgemacht – vor allem in der christlichen Pfadfinderarbeit war ich sehr aktiv.
Der Hauptgrund war für mich, dass ich während der Begleitung meines Vaters durch viele schwere Krankheiten Pastoren kennenlernte, die mich beeindruckt haben. Sie wurden Vorbilder für mich, weil sie für Menschen da waren, die ohne diese Seelsorge in Phasen ihres Lebens nicht klargekommen wären. Für mich wurde immer klarer: Das ist wichtig in dieser Welt! Und das hat mich dann dazu gebracht, es doch zu versuchen.
Rückblickend denke ich, das hatte auch ein bisschen mit Fügung zu tun. Für mich war es ein großes Glück, dass ich diesen Beruf ergriffen habe. Ich habe ihn immer mit Leidenschaft gemacht. Aber auch mit der Frage im Hinterkopf: „Füllst Du diesen Beruf wirklich so aus, wie es sein sollte?“ Das ist schließlich nicht irgend so ein Beruf – es hat wirklich auch mit Berufung zu tun.
 
War Ihrer damaligen Freundin und jetzigen Frau klar, worauf sie sich da einlässt mit einem Mann, der Gemeindepastor werden will?
Meine Frau ist Pastorentochter. Und wollte deshalb nie einen Pastor heiraten. Und ich – ich wollte nie eine Pastorentochter heiraten. Denn die, die ich in meiner Jugend kennengelernt hatte, waren zwar möglicherweise glaubensfördernd, aber keine Menschen, mit denen ich mich jeden Tag auseinandersetzen wollte. Meine Frau und ich haben uns zum Glück in einem neutralen Raum kennengelernt, wir haben beide bei der Studenten-Telefonseelsorge gearbeitet. Der Funke war schon übergesprungen, als sich herausstellte: „Ach Du liebe Güte, das ist ja eine Pastorentochter!“ und „Ach Du liebe Güte, der will Pastor werden!“ Wir haben gesagt: Wenn wir uns lieben, dann bleiben wir zusammen. Wir sind jetzt vier Jahrzehnte verheiratet.
 
Sie waren damals engagiert in der Pfadfinderarbeit. Als Stammesführer hatten Sie einen Jungen unter sich, der jetzt in der dienstlichen Hierarchie über Ihnen steht...
Ja, unseren heutigen Landesbischof Ralf Meister (lacht). Er hat mir damals vorgeworfen, ich würde das Christliche etwas übertreiben und sollte das Pfadfinderische mal ein bisschen mehr in den Vordergrund stellen. Daran habe ich ihn natürlich erinnert, als ich ihn als Bischof wiedergesehen habe.
 
Was waren für Sie als Pastor in Leeste die größten Meilensteine: Das Schönste? Das Schwerste? Das Schrägste?
Das Schönste: Wie viele Leute hier mitgemacht haben und was wir alles geschafft haben. Wir haben gegen alle Widerstände der Landeskirche so viel verändert: Ein neues Kreuz und die moderne Innenbeleuchtung, die den Kirchraum betont; wir haben den Turm und die Orgel saniert; einen Förderverein aufgebaut – und was haben wir alles getan, um Gelder zusammenzukriegen! Wir haben diesen tollen, neuen Gemeindesaal gebaut, um den uns viele beneiden... Ganz viele Leute waren dabei – auch die, die sonntags nicht in die Kirche kommen – und es ist diese Stimmung entstanden: „Das ist uns wichtig, dafür wollen wir uns engagieren, das ist unsere Kirche!“ Das ist bis heute für mich das Schönste.
Das Schrägste war damals, als es eine öffentliche Debatte darüber gab, dass ein Kollege im Pfarramt sich als homosexuell geoutet hatte. Ein Fernsehsender aus Bremen suchte einen Theologen aus unserem Kirchenkreis, der sich dazu äußert – und alle hatten mit einem Mal ganz viele Termine und konnten keine Interviews geben. Ich hab gesagt: „Dann geh ich halt da hin!“ Kaum war der Beitrag gesendet, bekam meine Frau die ersten Anrufe: „Ach, das ist ja so schrecklich, Frau Tietz! Sie tun mir waaahnsinnig leid, dass sie nun einen Mann haben müssen, der homosexuell ist!“ Ich habe mich sehr amüsiert.
Das Schwerste ist, dass einem die Menschen, wenn man lange in einer Gemeinde ist, so nah ans Herz wachsen, dass es manchmal wahnsinnig schwer wird, wenn man einen von ihnen beerdigen muss. Ich hatte unheimlich viel Glück mit Menschen, die ich trauen, taufen und konfirmieren durfte. Aber wenn jemand stirbt, den man lange und gut kennt, tut es weh. Und diese eigene Betroffenheit und Verletztheit, die lässt sich nicht überspielen. Wollte ich auch nie. Meine Erfahrung war, dass die Leute das auch geschätzt haben. Meiner Frau wurde oft gesagt: „Ihr Mann beerdigt so schön! Wir haben gespürt, wie nahe es ihm selbst ging“.
Das bleibt meine Auffassung von diesem Beruf: Du kannst auch mal eine Predigt halten, mit der Du total danebenliegst – aber Beerdigungen müssen gut sein. Und wenn Du als Pastor die Geschichten der Menschen nicht an Dich selbst ranlassen willst, dann solltest Du besser die Wasserstände von Elbe und Saale verkünden als über etwas zu sprechen, das so wichtig ist.
 
Wie geht’s für Sie nach der Verabschiedung weiter?
Ich freu mich erst mal, dass ich dann viel mehr Zeit habe für meine Frau, meine Hobbys und für Freunde. Der Freundeskreis war schon etwas schwer zu pflegen, weil ich meist arbeiten musste, wenn die anderen frei hatten.
Ich werde auf jeden Fall weiter in der Feuerwehrseelsorge arbeiten. Vielleicht kann ich auch ab und zu Kurseelsorge machen – wäre ja traurig, das Predigen total zu lassen.
Ich möchte mit meiner Frau reisen. Ich habe noch ganz viele Bücher liegen, die ich lesen will. Ich höre gerne Musik. Und vielleicht schaffe ich es ja auch endlich mal wieder ins Volksparkstadion, wenn der HSV spielt. Seit ich in Leeste bin, war ich bestimmt zehnmal so oft im Weserstadion.
 
Es gibt schon einen Nachfolger für Sie: Pastor Holger Hiepler wird am 1. Mai übernehmen. Haben Sie einen guten Tipp für ihn?
Ich glaube, wichtig ist, dass er den Mut hat, seine eigene Persönlichkeit zu zeigen. Ich wünsche ihm Spaß an diesem Beruf, aber auch Widerstandskraft und eine Spiritualität, die ihn stärkt und ihm hilft, auch die schwierigen Bereiche und Konflikte durchzustehen und nicht auszubrennen. Und viele, viele Freunde und Begleiter, die ehrlich zu ihm sind und ihm nicht nach dem Mund reden. Die sagen, was sie denken und ihn auch mal kritisieren. Aber die trotzdem für ihn sind und ihn nicht fallen lassen. Ich hatte dieses Glück, und das hoffe ich für ihn auch.
 
Wie behalten Sie Ihre Gemeinde in Erinnerung?
Als eine Gemeinde mit unglaublich engagierten Leuten. Mit Menschen unterschiedlicher Couleur, die ihre Kirche tragen und mögen. Mit sehr glaubwürdigen Leuten. Und ganz, ganz vielen Helden, die vieles im Verborgenen tun und das leben, was für sie Glaube bedeutet – und die dafür meinen ganzen Respekt haben.
Leeste ist heute eine Gemeinde, die mit den Menschen lebt; die hoffend ist; die sich Problemen stellt, sich nicht versteckt und eine Kirche in der Welt ist. Aktiv, christlich, weltoffen, kritisch, lebendig – hier ist die Kirche wirklich mitten drin im Ort. Und wenn ich dazu etwas beigetragen habe in den letzten Jahrzehnten, macht mich das sehr dankbar.
 
Und wie möchten Sie selbst in Erinnerung bleiben?
Als einer, der in manchen Bereichen sicherlich seine Spleens hatte und auch öfter mal ein schöpferisches Ärgernis war. Aber bei dem man immer gespürt hat, was ihm wichtig ist und welches innere Feuer ihn treibt. Der vielleicht manchmal auch ziemlich komisch war, aber immer echt.
Miriam Unger
 

Presse-Spiegel

Bitte lesen Sie auch die Veröffentlichungen in den lokalen Medien:

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Sebastian Kelm in der Regionalen Rundschau

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Philipp Köster in der Kreiszeitung

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Stephen Kraut im Weserkurier

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