„Eltern sein – ein Kinderspiel?“

Nachricht Syke, 08. Januar 2015

Diakonie installiert ein regelmäßiges „Familienfrühstück“ in Syke

2015-01-08DIAKOSYKEmiu Johann Gorgs (2)
Szene aus „Eltern sein – ein Kinderspiel?!“ der Theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück. Foto: Miriam Unger

Für die meisten von uns sind Supermärkte nur kurze, praktische Schauplätze in unserem Alltag. Wir gehen rein, wir gehen raus, höchstens quatschen wir noch mit jemandem, den wir kennen - fertig. Wer das zu unspektakulär findet, der sollte so einen Laden mal mit einem Kind im Grundschulalter betreten. Wie die Mutter von Leo. Zu sehen ist ihr Sohn gerade nicht. Aber zu hören. Leo ist nämlich gerade im Motorsport-Fieber. Und er hat für einen kleinen Jungen erstaunlich gut ausgebildete Lungen. Während er die Gemüseabteilung in den Nürburgring verwandelt, läuft seine Mama kopflos durch die Gänge. Am besten schnell alles zusammenraffen und ganz fix wieder raus hier. Das Kind ist aufgedreht, laut, frech und nicht zu bändigen. Die Leute gucken schon. Nervtötend ist das. Und peinlich. Jetzt hat dieses kleine Biest auch noch eine Tüte Süßigkeiten zu fassen gekriegt, die es natürlich NICHT aufmachen soll, und wälzt sich brüllend damit am Boden…

Die Eltern im Zuschauerraum der Syker Stadtbücherei lachen. Wenn fremde Kinder schreien und andere Mütter ausrasten, kann man das ja erstaunlich lustig finden. Aber in dem kollektiven Lachen liegt sowas wie ein zustimmendes Verständnis. Ja, genauso läuft das. Auch schon erlebt. Und das nicht nur einmal. Obwohl man diese ganzen klugen Ratschläge – klare Ansagen machen, konsequent bleiben, nicht ausflippen – ja nun wirklich alle kennt.
Die Diakonie im Kirchenkreis Syke-Hoya hatte gestern gemeinsam mit dem Familienservicebüro und der Syker Gleichstellungsbeauftragten zum „Familienfrühstück“ eingeladen. Und für die Gäste gab’s nicht nur Kaffee und Brötchen, sondern auch ein lustiges, lehrreiches Programm von der  Theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück mit dem Titel „Eltern sein – ein Kinderspiel?!“.
Die Schauspieler Susanne Gorgs und Georg Johann lesen zuerst Sätze vor - klassische Elternsätze - und bitten das Publikum, aufzustehen, wenn es der Aussage zustimmt. Los geht’s:
„Ich bin glücklich, wenn meine Familie glücklich ist.“ Alle erheben sich. War ja klar. Da braucht keiner lange drüber nachzudenken.
„Ich bin begeistert, wenn mein Kind Forschergeist entwickelt und den Mixer in seine Einzelteile zerlegt.“ Lachen. Ein paar wenige heben lässig die Hand.
„Ich stelle meine eigenen Interessen für die Wünsche meiner Kinder hintenan.“  Überlegen. Umgucken. Was machen die anderen? Der einzige Vater im Publikum ruft: „Darf man auch in die Hocke gehen?“
Dann spielen Gorgs und Johann einige Szenen, die wahrscheinlich jeder schon mal erlebt hat. Die Nervensäge im Supermarkt und ihre Mutter, die am liebsten selbst losbrüllen und sich auf dem Boden wälzen würde. Der Vater, der seine Tochter mal eben schnell aus dem Kindergarten holen will, weil er noch einen wichtigen Termin hat. Aber die Prinzessin hat andere Pläne. Und ihre Sachen noch überall im Hort verteilt.
Der Junge, der heute mal ein Kleid anziehen und nicht immer nur der männliche Part im Vater-Mutter-Rollenspiel sein möchte. Der Papa, der sich mehr für Nachrichten und sein Handy interessiert als dafür, was sein kleines Mädchen gerade Bahnbrechendes über Pfannkuchen und Fußballspielen denkt. Die Mama, die so überfordert ist, dass sie mit der Hand ausholt.
Aber auch der schon längst erwachsene Sohn und Familienvater, der sich schwer damit tut, seiner eigenen Mutter zu erklären, dass seine beiden Kinder keine Lust mehr auf Besuche bei ihr haben, weil sie Omas unerwünschtes Abgeknutsche fürchten.
Immer eine eskalierende Szene aus dem Familienalltag. Und dann spielen die Theaterpädagogen die gleiche Situation noch mal anders, um zu zeigen, wie sich das Problem lösen lassen könnte.
Den Mini-Motorsportler mit einer Reaktion überraschen, die er nicht erwartet, zum Beispiel. Sich zu ihm auf die Spielebene begeben und die Süßigkeiten zu ihm sprechen lassen, dass jetzt mal Boxenstopp angesagt ist. „Sowas nimmt der Situation die Schärfe“, erklärt Susanne Gorgs. „Aber natürlich kann man das auch nicht immer so lösen“, ergänzt Georg Johann, „sonst fühlt sich das Kind irgendwann nicht mehr ernst genommen.“
Denn das sei wichtig, trotz Meinungskollision und hohem Genervtheitsgrad: Dem Kind zeigen, dass man seine Bedürfnisse versteht ­- auch wenn man sie in diesem Fall nicht erfüllen wird. Dabei sollten Eltern am besten auch körperlich auf Augenhöhe gehen, raten die Theaterpädagogen. Also nicht von oben auf die Kleinen einschimpfen, sondern sich herunterbeugen und ihnen auf gleicher Ebene sachlich erklären, dass man nachvollziehen kann, was sie denken; dass man aber bei seinem Standpunkt bleiben wird und es nichts zu verhandeln gebe.
In den Theaterszenen funktioniert die Kommunikation immer besser, wenn die Eltern den Kindern Fragen stellen, mit denen sie sie im besten Fall auch gleich in eine bestimmte Richtung lenken. („Was isst Du  außer Süßigkeiten noch gerne? Die kleinen süßen Tomaten?“, „Weißt Du noch, was wir abgemacht haben?“). Und wenn sie Sohn oder Tochter ablenken, indem sie sie einbeziehen, ihnen Aufgaben geben oder sie um Hilfe bitten.
„Kinder sind immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen“, weiß Susanne Gorgs. „Und wir sollten ihnen das Recht lassen, sich auszuprobieren. Sie müssen eigene Erfahrungen machen, ihre Bedürfnisse sagen und sich auch mal anziehen dürfen, wie sie wollen. Nur so können eigenständige Persönlichkeiten aus ihnen werden.“
Aber: „Ihre Kinder brauchen keine perfekten Eltern.“, beruhigt Georg Johann die Frühstücksgäste. „Sondern liebevolle Mütter und Väter, die an ihren Aufgaben wachsen, sich selbst nicht vergessen und mit Sicherheit an der Seite ihrer Kinder bleiben. Das klingt, als wären wir Experten. Aber die Experten für Ihre Kinder sind Sie.“
 
Nach dem Stück bleiben viele noch sitzen, diskutieren, lernen sich kennen, lachen und bestaunen die mitgebrachten Babys. Genauso hat sich Kirchenkreissozialarbeiterin Katrin Moser von der Diakonie das Angebot vorgestellt: „Wir brauchen hier einfach sowas wie eine Austauschplattform für Eltern und Menschen, die im Erziehungsalltag stehen. Es geht darum, dass sie sich kennenlernen und austauschen können ­– und zwar nicht nur im Bereich der eigenen Einrichtungen wie Krippe und Kindergarten.“
Es war das erste „Familienfrühstück“ in Syke. Aber nicht das letzte. Das steht schon mal fest, sagt Katrin Moser. „Der nächste Termin ist am 25. Februar um 10 Uhr“.
 
 Miriam Unger 08.01.2015

 

Und jetzt die Tipps und Statements von ein paar Müttern, die da waren:

Diana Schrenk (24 Jahre) aus Syke, Mutter von Emma-Alena (fünfeinhalb Monate):

„Der einzige Tipp, den ich Eltern aus meiner eigenen Erfahrung heraus geben kann: Immer versuchen, ruhig zu bleiben. Am Anfang hat meine Tochter viel geschrien. Da hat nur eins geholfen: Tief durchatmen. Und ganz ruhig mit dem, was man tut, weitermachen. Was bei uns wirklich inzwischen ganz leicht klappt, ist das Füttern. Da macht sie super mit.“

 

Sabine Häfker (53 Jahre) aus Affinghausen, Mutter von vier eigenen und sechs Pflege-Kindern

„Natürlich halte ich es für einen Fehler, wenn Eltern gleich nachgeben, wenn mal Geschrei ist, und sagen: ,Okay, okay, AUSNAHMSWEISE…‘ . Meist gibt es durch so ein Verhalten auf lange Sicht nicht weniger, sondern noch viel mehr Geschrei. Und die Schuld dafür darf man dann nicht dem Kind oder anderen Leuten geben. Aber es ist immer schwierig, anderen Eltern Ratschläge zu geben. Ich habe zwar zehn Kinder erzogen, und es lief auch eigentlich immer alles sehr gut, aber ich will mich hier nicht als Besserwisserin hinstellen. Was mir in der Erziehung meiner Kinder nur immer wichtig war: Nicht durch die Stadt zu laufen mit dem Buggy in der einen und dem Handy in der anderen Hand. Das sorgt nicht nur bei einem selbst für Unruhe. Man muss als Mutter aufmerksam und wirklich da sein. Selbst Kinder schlafen irgendwann mal. Und dann kann man auch telefonieren.“

 

Denise Ball (35 Jahre), Mutter von zwei Kindern aus Syke, mit Anneli (zehn Monate):

„Ich habe gelernt, dass es ganz wichtig ist, dass man Kindern keine Versprechungen macht, die man nicht einhalten kann. Diese kleinen Notlügen, um sie zu beruhigen – zum Beispiel, dass die Großeltern sagen, sie kämen gleich noch mal wieder, wenn sie merken, dass dem Kind der Abschied schwer fällt. Mein Dreijähriger behält sowas dann aber und fragt den ganzen Abend, wann die Großeltern jetzt endlich kommen, er wartet auf sie und versteht es nicht und ist enttäuscht. Dann ist es besser, gleich ehrlich zu sagen, was Sache ist. Auch wenn es in der Situation schwerer ist.“

Marina Kemper (38 Jahre), Mutter von zwei Kindern aus Syke, mit Jannis (drei Monate):

„Uns ist wichtig: Spielzimmer ist Spielzimmer, und so darf es auch aussehen, solange die Flucht- und Rettungswege frei bleiben. Aber unser Wohnzimmer bleibt auch Wohnzimmer. Da wird natürlich auch mal gespielt. Aber das muss abends immer wieder weggeräumt werden. Und da muss man konsequent bleiben.“