Wenn „zwei, drei Likörchen“ und das „Herrengedeck“ zum Problem werden

Nachricht 28. September 2015
Sucht im Alter Foto
Abhängigkeit im Alter ist ein unterschätztes Problem. Die Fachstelle „Sucht“ der Diakonie lud Vertreter von Einrichtungen aus der Region und Sucht-Experten zu einem ersten „Netzwerktreffen“ ein, um ein Projekt für Betroffene, Angehörige und Pflegekräfte im Landkreis Diepholz zu entwickeln. Foto: Udo Telsemeyer

Neues Projekt für den Landkreis Diepholz: Netzwerktreffen „Sucht im Alter“ im Diakonischen Werk

LANDKREIS. Ein, zwei Likörchen getrunken hat Oma schon immer gerne. Bei Geburtstagen oder abends, wenn der Viehhändler sich verabschiedete. Eine schöne Zeit war das, damals. Heute lebt sie nicht mehr mit ihrem Mann auf dem gemeinsamen Hof, umgeben von der alten Nachbarschaft, sondern allein in einem kleinen Zimmer im Altenheim. Es kommt selten jemand vorbei, und Geburtstage sind eigentlich kein Grund mehr zum Feiern. Den größten Teil des Tages guckt sie fern, denkt darüber nach, was ihr alles wehtut, und dass das Leben früher irgendwie besser war. Die Langweile und die düsteren Gedanken werden erträglicher, wenn sie ein paar Gläser Likör trinkt. Einschlafen kann sie dann auch besser. Und ob es jetzt Nachmittag oder Abend ist, wenn Einsamkeit und Schwere sie überfallen, oder sie die Flasche schon nach dem Frühstück aus dem Schrank holt – wen stört das…

Sucht im Alter ist ein stark unterschätztes Problem. Angehörige bemerken es oft spät. Und wenn, dann sind sie meist ratlos, wie sie darauf reagieren sollen. Und ob überhaupt. Dem Großvater, der sein Leben lang hart gearbeitet und schreckliche Dinge im Krieg erlebt hat, sein tägliches „Herrengedeck“, bestehend aus Bier und Korn, verbieten? Der Oma die Tabletten abnehmen, die zwar eine lange Liste von Nebenwirkungen haben, aber gegen ihre Unruhe helfen?

UNTERSCHÄTZTES PROBLEM

„Bei den über 65-Jährigen überschreiten mindestens 28 Prozent der Männer und 18 Prozent der Frauen in Deutschland laut aktueller Studie den Grenzwert des risikoarmen Alkoholkonsums“, sagt Marlis Winkler, Geschäftsführerin des Diakonischen Werks. „Die Zahl der älteren Menschen, die medikamentenabhängig sind, ist schwer zu erforschen, aber vermutlich sehr, sehr hoch.“

Die Berater aus der Diakonie-Fachstelle „Sucht“ und aus der Altenpflege haben das Thema schon eine Weile im Blick und betrachten es mit zunehmender Besorgnis. Darum setzten sich jetzt mehrere Vertreter von Alten- und Pflegeeinrichtungen, evangelischer Kirche und Suchtberatung im Diakonischen Werk zusammen zu einem ersten Regionaltreffen mit dem Thema „Sucht im Alter“.

PROJEKT VON SUCHT-EXPERTEN UND SENIOREN-EINRICHTUNGEN

Ziel dieses Netzwerktreffens war es, an drei Standorten im Landkreis ein Projekt zu entwickeln, das Betroffenen in der Region helfen, Angehörige informieren und Pflegekräfte unterstützen soll, mit dem Problem umzugehen.

An diesem neu entstehenden Programm arbeiten Mitarbeiter vom „Cura Zentrum Uchte“, vom „Haus am Suletal“ in Sulingen, vom „Pflegezentrum Kirchdorfer Heide“, vom Altenhilfezentrum „Heimstatt“ in Freistatt, vom  „Seniorenhaus Annamargareta“ und dem Seniorenbüro Diepholz zusammen mit der Suchtberatung des Diakonischen Werks, dem Kirchenkreis Diepholz, der Evangelischen Landesarbeitsgemeinschaft für Suchtfragen in Niedersachsen (ELAS“) und dem Niedersächsischen Evangelischen Verband für Altenhilfe und Pflege („NEVAP“). Projektkoordinatorin ist die Gerontologin Berta Reder aus Stemwede, die die Fachstelle „Sucht“ des Diakonischen Werks Diepholz extra für das Thema „Sucht im Alter“ eingestellt hat.

Das nächste Netzwerktreffen ist am 6. November. Dann wollen die Teilnehmer planen, wie das Angebot an die regionalen Gegebenheiten der unterschiedlichen Standorte angepasst werden kann.

Miriam Unger