'

„Versuchen Sie, vor die Welle zu kommen und nicht von ihr getrieben zu werden“

Nachricht 23. April 2026

Reformexperte Steffen Bauer wirbt in der Kirchenkreissynode für mutige Entscheidungen / Delegierte beschließen Pauschalen für ehrenamtlich Engagierte und mehr Mittel für Kinder- und Jugendfreizeiten

Hände hoch: Das Parlament des Kirchenkreises Syke-Hoya stimmt ab bei der Tagung der Kirchenkreissynode im April 2026. Fotos: Miriam Unger

Die Kirche steht vor großen Veränderungen. Und die werden schneller kommen als viele erwarten. Davon ist Steffen Bauer überzeugt. Der 64-Jährige ist Experte für Kirchenreformprozesse und begleitet seit Jahrzehnten Veränderungsprozesse im gesamten deutschsprachigen Raum. Weil er außerdem ein charismatischer, hochgradig unterhaltsamer Redner ist, ist der Theologe landesweit ein gefragter Gast für Impulse und Vorträge.

Zwei Tage lang war Bauer im Kirchenkreis Syke-Hoya, um mit Haupt- und Ehrenamtlichen über ihre Vorstellungen von „ihrer“ Kirche der Zukunft zu sprechen. Am Mittwochabend war er zu Gast in der Kirchenkreissynode – dem Parlament des Kirchenkreises. Vor den Delegierten aus allen 23 Gemeinden berichtete Bauer von seinen Erkenntnissen.

Sein Blick in andere Landeskirchen zeigt, wie drastisch die Veränderungen ausfallen können: „In der Pfalz etwa werden bis 2028 alle 15 Superintendent*innen aus dem Amt verabschiedet. Aus 380 Gemeinden werden vier große Einheiten“. Auch in Sachsen-Anhalt sei man zu einem extremen Strukturwandel gezwungen. Mittel und Personal fehlen, die Mitgliederverluste sind groß, die Zahl der historischen Kirchen auch. Die Gebäude können nicht mehr unterhalten werden.

„Transformation by disaster“, nennt Steffen Bauer das. Wandel durch Katastrophe. „Das passiert, wenn man zu lange abwartet.“ Noch sei die Lage in der hannoverschen Landeskirche vergleichsweise gut. „Darum: Versuchen Sie, vor die Welle zu kommen und nicht von ihr getrieben zu werden“, appelliert er an die Delegierten. Das brauche natürlich Mut, klare Prioritäten, Ressourcensteuerung und die Bereitschaft, Neues auszuprobieren.

Ein Redner mit Überblick und Charisma: Reformexperte Dr. Steffen Bauer aus Heidelberg wirbt in der Synode des Kirchenkreises Syke-Hoya für mutige Entscheidungen.

Die Rückmeldungen aus den Gemeinden zeigen, dass dieser Prozess im Kirchenkreis längst begonnen hat. Die Delegierten berichten von neuen Formaten und Experimenten, die gut angenommen werden: Tauffeste in Flüssen und Freibädern, Seelsorgebänke auf dem Friedhof oder die Aktion „Einfach trauen!“ – ein Pop-up-Angebot für spontane Hochzeiten und Segnungen, das wegen großer Nachfrage inzwischen auf ein ganzes Wochenende ausgeweitet wurde. Vom 26. bis 28.6. ist es in diesem Jahr wieder soweit an verschiedenen Orten im Kirchenkreis.

Steffen Bauer wirbt dafür, neue Strukturen zu wagen: „Organisieren Sie kirchliche Arbeit stärker im Team. Konzentrieren Sie sich klarer auf Zielgruppen und setzen Sie die Leute gabenorientiert ein. Es kann nicht mehr jede*r alles machen. Es bringt auch inhaltlich mehr, wenn die Kolleg*innen, die richtig Lust auf eine bestimmte Zielgruppe oder ein Thema haben, diesen Arbeitsbereich machen. Und andere einen anderen.“

„Klar ist für mich: Seelsorge muss der Herzschlag von Kirche bleiben“, betont Bauer. Aber nicht alles müsse überall parallel organisiert werden. Am Beispiel der Konfirmandenarbeit skizziert der Reformexperte unterschiedliche Modelle für den gesamten Kirchenkreis statt vieler kleiner Gruppen vor Ort. „Das ist für die Mitarbeitenden besser leistbar. Und für die Jugendlichen ist es doch auch viel interessanter, sich in einer großen Gruppe mit Gleichaltrigen zu treffen als jede Woche nur zu fünft im Gemeindehaus im Ort.“

Viele der angesprochenen Themen spiegeln sich auch in den Beratungen der Synode zu den restlichen Tagesordnungspunkten wider. Bei der Vorstellung der Jahresrechnung wird deutlich: Der Kirchenkreis hat solide gewirtschaftet und Rücklagen aufgebaut. Diese eröffnen Spielräume – etwa für Investitionen in Klimaschutz und für die zukünftige Stellenplanung.

Für Erstaunen und Applaus sorgt Hilke Hopmann, Diakonin im Anerkennungsjahr, mit einem Überblick über die Arbeit des Kreisjugenddienstes im Kirchenkreis. Trotz Vakanzen und hauptamtlichem Personalmangel hat der Kirchenkreisjugenddienst in diesem Jahr ein breites Programm für Kinder und Jugendliche auf die Beine gestellt.

Ein weiteres Thema ist die Wertschätzung von ehrenamtlichem Engagement im Kirchenkreis. Die Synode beschließt eine neue Regelung für Aufwandsentschädigungen: Künftig erhalten ehrenamtliche Mitglieder der Kirchenkreissynode und der Kirchenvorstände zusätzlich zu Fahrtkosten und Auslagen eine feste Pauschale. „Wir können das Engagement unserer vielen Ehrenamtlichen nicht aufwiegen. Aber wir wollen ein Zeichen setzen, um ihren persönlichen Einsatz und den zeitlichen Aufwand zu würdigen“, heißt es aus dem Gremium.

Auch im Bereich der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen möchte die Synode gezielt Akzente setzen. Die Förderung von Freizeiten und Tagungen von Jugendgruppen wird um fünf Euro pro Tag und Teilnehmendem erhöht. Hintergrund sind die gestiegenen Kosten für Unterkünfte, Verpflegung und Transport.

„Freizeiten sind für viele Kinder und Jugendliche der erste Kontakt mit Kirche. Der entscheidet darüber, ob sie Wurzeln zu uns schlagen oder nicht“, weiß Birthe Wigger, Vorsitzende des Finanz- und Stellenplanungsausschusses. „Wir finden die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen grundsätzlich wichtig, darum möchten wir sie mehr unterstützen. Gleichzeitig ist aber auch Teilhabe ein stärker werdendes Thema in unserer Gesellschaft, das uns beschäftigt. Denn wir sehen, dass es für immer mehr Familien schwierig wird, ihren Kindern Freizeitangebote wie Ausflügen oder mehrtägigen Fahrten zu finanzieren. Deshalb ist es uns wichtig, möglichst vielen die Teilnahme an solchen Angeboten zu ermöglichen.“ 

Die Unterstützung gibt es unkompliziert und diskret in jeder Gemeinde. Ein Hinweis genügt.
Das aktuelle Jahresprogramm des Kreisjugenddienstes mit Angeboten für Kinder und Jugendliche im Kirchenkreis ist hier zu finden: ejsh

Die nächste Tagung der Kirchenkreissynode ist am 12.11.2026 in Syke.

Miriam Unger